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Voo Doo – Tanz am Abgrund mit Schlange

  • Marleen Tigersee
  • 16 hours ago
  • 7 min read


The Sensation of Europe!


Die beste indische Schlangentänzerin der Saison!


Tanzwunder aus Tausend und einer Nacht!


Die große internationale Sensation!


Ein Akt von märchenhafter Schönheit und Pracht!





Auf der Bühne des großen Varieté-Palastes steht eine Frauengestalt. Nur knapp wird ihr zierlicher Körper mit schimmernden Stoffen verhüllt. Auf den dunklen, langen Locken sitzt ein reich verzierter Turban. Um den Nacken windet sich in langsamen Bewegungen eine lebendige Python. Das Publikum hält den Atem an während sich die Tänzerin in perfekter Symbiose mit der Schlange bewegt, ihren Körper windet und verdreht, ihn in Wellenbewegungen kreisen lässt. Immer wilder wird der Tanz, die Bewegungen verrenkter und waghalsiger. Am Ende der Vorstellung gibt es tosenden Applaus. Als die Tänzerin sich dann plötzlich an den Kopf fasst und ihren Turban samt Perücke herunterreißt, ist die Sensation perfekt: Die Tänzerin ist in Wahrheit ein Mann.



Ein schicksalhafter Hotelbesuch


Als eine junge, gut gekleidete Dame am 20. September 1909 das Berliner Hotel Roter Adler betrat, ahnte noch niemand, dass sich bald darauf ein Drama ereignen würde. Als ein Zimmermädchen am nächsten Morgen besorgniserregende Geräusche aus dem Zimmer dieser Dame vernahm, die wie weinen und leise Hilferufe klangen, wurde die Tür kurzerhand vom Personal geöffnet. Die junge Frau lag auf dem Boden in ihrem eigenen Blut, sie hatte sich das Leben nehmen wollen. Sofort wurde sie notversorgt und in ein Krankenhaus gebracht. Dort stellte sich wenig später heraus, dass es sich gar nicht um eine Dame handelte, sondern um einen erst 18-jährigen Mann namens Willy Pape.



Magnus Hirschfeld gewidmete Fotografie von Willy Pape, Hier nennt er schon seinen Künstlernamen Voo Doo.
Magnus Hirschfeld gewidmete Fotografie von Willy Pape, Hier nennt er schon seinen Künstlernamen Voo Doo.


Magnus Hirschfeld am Krankenbett


Die Geschichte um den Selbstmordversuch des jungen Mannes in Frauenkleidern ging durch alle Berliner Zeitungen. Als Gründe dieser Verzweiflungstat wurden Verdruss und Ängste genannt, die Pape gegenüber seiner Zukunft hatte. Seinen Traum als Tänzerin zum Varieté zu gehen hatten seine Eltern abgelehnt und ihn stattdessen zu einer Maler-Lehre gezwungen. Schon als Kind hatte Pape eine Vorliebe für Kleider gehabt und geweint, wenn er einen Anzug tragen musste. Die Aussicht auf ein Leben innerhalb konservativer Normen, wo es keinen Platz für seine Neigungen gab, war wohl zu viel für ihn.

Der Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld, der sich schon um die Jahrhundertwende für seinen Einsatz zur Entkriminalisierung von Homosexualität einen Namen gemacht hatte, hörte von Papes Fall und besuchte ihn im Krankenhaus. Durch die Erzählungen des jungen Mannes ging hervor, dass er sich zwar in Frauenkleidern wohler fühle, er aber kein sexuelles Interesse an Männern habe und sogar mit einer Frau verlobt sei. Dies faszinierte Hirschfeld, der zu der Zeit zum erotischen Verkleidungstrieb forschte und die Theorie aufstellte, dass es sowohl homo- als auch heterosexuelle Transvestiten gab. Das Tragen von Kleidung, die nicht als dem eigenen Geschlecht zugehörig angesehen wurde, musste ihm zufolge also nicht unbedingt auch an eine andere sexuelle Orientierung gekoppelt sein. Begeistert nahm Hirschfeld den Fall Willy Pape in sein Werk Die Transvestiten auf, das ein Jahr später bereits erschien.



Alles beginnt im Trocadero


Wie es für Willy Pape nach seinem Krankenhausaufenthalt genau weiter ging, ist leider nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass er 1911 im Unterhaltungslokal Trocadero in München seine ersten Auftritte als Schlangentänzerin absolvierte. Im Programmheft tauchte er zunächst unter dem Künstlernamen Sura Voodoo auf. Die Faszination für fremd und exotisch anmutende Kulturen (mehr dazu hier) zeigt sich sehr stark bei der Wahl dieses Namens. Sura ist ein indischer Vorname, der mit Engel oder die Ruhmreiche übersetzt werden kann. Voodoo bezieht sich auf die vor allem auf Haiti praktizierte Religion, in der Schlangen eine wichtige Rolle spielen. Inwiefern diese beiden Elemente zusammenpassen, ist fraglich, aber wenige Jahre später wird Pape den Namen Sura abwerfen und nur noch unter Voo Doo (mal mit und mal ohne Bindestrich) auftreten.



Der Unsichtbare Mensch im Zirkus Schumann verhilft Voo Doo zum großen Erfolg
Der Unsichtbare Mensch im Zirkus Schumann verhilft Voo Doo zum großen Erfolg

Der Durchbruch mit Der Unsichtbare Mensch


Das Jahr 1912 brachte Voo Doo weitere Auftritte in Hamburg und seiner Heimatstadt Berlin. Dort konnte man ihn im Zirkus Albert Schumann für vier Monate im Stück Der unsichtbare Mensch sehen, ein riesiges Spektakel mit Lichteffekten, Pyrotechnik und der Mitwirkung von unzähligen Tänzern, Komparsen und wilden Tieren wie Affen, Tiger, Krokodile und Elefanten. Da das Stück eine Art indische Märchen- oder Abenteuergeschichte enthielt, passte Voo Doos Schlangentanz hervorragend dazu, wie man sich vorstellen kann. In Kritiken wurden seine Auftritte mehrfach besonders gelobt, was ihm schließlich den internationalen Durchbruch bescherte. In den nächsten Jahren wird er Engagements in Straßburg, Prag, Wien, London und Budapest haben und mit The Sensation of Europe beworben werden.



Werbeplakat von Voo Doo, gezeichnet von Adolph Friedländer
Werbeplakat von Voo Doo, gezeichnet von Adolph Friedländer


Militär und Transvestitenschein


Als Willy Pape zu Beginn des ersten Weltkrieges zur Musterung beordert wurde, erschien er dort kurzerhand in Frauenkleidern. Da Transvestismus damals als Nervenleiden oder Geisteskrankheit galt, wurde er daraufhin als für den Militärdienst untauglich eingestuft und konnte seine Karriere als Tänzerin fortführen, jedoch für die nächsten Jahre nur noch innerhalb der deutschen Grenzen.

Ob Pape immer in Frauenkleidung unterwegs war, ist nicht bekannt. Belegt ist jedoch, dass er über einen sogenannten Transvestitenschein verfügte, eine amtliche Bescheinigung, die einer Person die Erlaubnis erteilte, sich im öffentlichen Raum in Kleidung zu bewegen, die nicht dem eigenen Geschlecht als zugehörig galt. Generell war das Tragen dieser Kleidung zwar gesetzlich nicht verboten, trotzdem konnte man von der Polizei deswegen verhaftet, verhört und zum Beispiel wegen groben Unfugs* zu Geldstrafen verurteilt werden. Der Transvestitenschein gab Menschen wie Pape zumindest ein wenig mehr Sicherheit, denn einen garantierten Schutz vor Verfolgung gab es damit leider nicht.



Transvestitenschein, der einer Frau die Erlaubnis erteilt, Herrenkleidung zu tragen (1928)
Transvestitenschein, der einer Frau die Erlaubnis erteilt, Herrenkleidung zu tragen (1928)



Karrierehöhepunkt 20er Jahre


Nach Kriegsende nahm Voo Doos Karriere neue Fahrt auf. Wieder mit Auftritten im Ausland und nun stets in Begleitung seines Managers und Lebensgefährten Emil Schmidt (meist nur Herr Schmidt genannt). Magnus Hirschfelds Hoffnung mit Willy Pape einen Vertreter für seine Theorie über heterosexuelle Transvestiten gefunden zu haben, konnte sich nun doch nicht bestätigen. Die beiden hatten sich bei einem Auftritt von Der Unsichtbare Mensch kennengelernt (Herr Schmidt war einer der Komparsen gewesen) und sie blieben bis zum Ende ihres Lebens ein Paar.


Voo Doos Auftritte in den 20er Jahren waren dadurch gekennzeichnet, dass er sich neuerdings nach seinen Tänzen als Mann zu erkennen gab, vermutlich um noch einen verblüffenden Schlusseffekt beim Publikum zu landen. Dies kam allerdings nicht bei allen gleichermaßen gut an. In manchen Zeitungen wurde berichtet, dass viele enttäuscht waren, dass es sich bei der grazilen und anmutigen Tänzerin gar nicht um eine Frau handelte. In anderen Zeitungsartikeln wurde diese Überraschung am Ende jedoch als Sensation gefeiert und den Lesern nahegelegt, sich die Vorstellung unbedingt anzusehen, wenn sie etwas Besonderes erleben möchten.


Werbeplakat für Voo Doo
Werbeplakat für Voo Doo

In den Jahren 1920-1929 trat Voo Doo in 35 Städten auf, in manchen auch mehrmals und an verschiedenen Theatern. Die Plakate warben mit einem märchenhaften Luxusakt, der international unerreicht und stets für allererste Häuser gebucht ist. Der Name Voo Doo war Programm, dazu kamen die Bühnenfotos, auf der die Tänzerin in Kostüm und manchmal mit Schlange zu sehen war, die das Publikum magisch anzog und ihn bis nach Paris und Nizza brachte. Dennoch beendete Voo Doo seine aktive Tanzkarriere auf der Höhe seines Erfolges, da er immer häufiger mit Verletzungen zu kämpfen hatte. 1929 sollte er ein letztes Mal als Schlangentänzerin auftreten.



Voo Doo mit Schlange
Voo Doo mit Schlange


Die Bar in der Skalitzerstraße 7


Schon Ende 1928 (noch vor dem letzten Auftritt) wollten Voo Doo und Herr Schmidt zusammen neue Wege gehen. Sie entschlossen sich daher in der Skalitzerstraße 7 in Berlin-Kreuzberg eine Bar zu eröffnet, die bis 1933 ein bekannter Treffpunkt der Homosexuellen-Szene werden sollte. Eigentlich hieß das Lokal offiziell Zum Kleinen Löwen, dieser Name wurde jedoch nie verwendet, stattdessen sprach man nur von der Skalitzerstraße 7 und so wurde sie auch in den Zeitungsanzeigen beworben. Besonders war, dass die Abende immer unter einem Motto standen. Unter anderem gab es den großen Betrieb, das Frühlingsfest (Ein Blütenrausch), ein Fest auf Sizilien unter Orangenbäumen, Silvesterfeiern und das Kaschemmenfest, häufig gab es dazu Klaviermusik.



Werbeanzeige für das Fest auf Sizilien in der Skalitzer Straße 7
Werbeanzeige für das Fest auf Sizilien in der Skalitzer Straße 7


Unter den bekanntesten Gästen zählen Klaus Mann (mehr zu ihm hier) und der Schriftsteller Curt Moreck, der hier Eindrücke für sein Buch Ein Führer durch das lasterhafte Berlin (erschienen 1931) sammelte. Auch Gäste aus Frankreich wie Louis-Charles Royer (ebenfalls Schriftsteller) fanden ihren Weg in die Skalitzerstraße 7. Dass die Bar so bekannt wurde, dass sie sogar über die Landesgrenzen hinaus Publikum anlockte, mag einerseits an der internationalen Berühmtheit Voo Doos gelegen haben. Andererseits gab es aber auch viele Gerüchte, die neugierig machten: Ob Voo Doo als Frau oder Mann in Erscheinung trat (hierzu gibt es unterschiedliche Berichte), ob es sich um eine Stricher-Bar handelte (dies lässt sich auch nicht bestätigen) und schließlich sorgte der mysteriöse Tod eines Transvestiten zusätzlich für Furore. Ausgerechnet Voo Doos Lebensgefährte Herr Schmidt landete in diesem Fall vor der Anklagebank, wurde jedoch aus Mangel an Beweisen freigesprochen.


Hitlers Machtübernahme 1933 bedeutete das Aus für das Lokal in der Skalitzerstraße 7. Voo Doo und Herr Schmidt zogen zurück in das Örtchen Zerpenschleuse, wo die Familie Pape zu früheren Zeiten schon gewohnt hatte. Sie versuchten es 1939 noch einmal mit einer Bar in Berlin Wilmersdorf (das Paar wohnte dort zeitweise sogar zusammen mit Voo Doos Vater Ernst Pape), doch starb Voo Doo bereits 1940 mit nur 48 Jahren an Malaria.





Willy Pape alias Voo Doo in späteren Jahren (ganz oben links), Herr Schmidt steht rechts neben ihm
Willy Pape alias Voo Doo in späteren Jahren (ganz oben links), Herr Schmidt steht rechts neben ihm


Dass Voo Doos erstaunliches Leben nicht ganz in Vergessenheit geraten ist, verdanken wir dem Schwulen Museum Berlin, das 1987 im Rahmen der Ausstellung 750 warme Berliner ein Foto von Voo Doo entdeckt hatte, das schließlich so populär wurde, dass es weiter für Flyer, Plakate, Zeitschriften- und Buchcover verwendet wurde.


Wer jetzt neugierig geworden ist und noch mehr über das faszinierende Leben von Willy Pape alias Voo Doo erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch You have never seen a dancer like Voo Doo - Das unglaubliche Leben des Willy Pape von Jens Dobler (vbb Verlag).



Viel Vergnügen bei der Lektüre und wie immer herzlich Ihre


Marleen Tigersee










*früherer Ausdruck für Belästigung der Allgemeinheit


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