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Das skandalöse Leben der Dichterkinder

  • Marleen Tigersee
  • 2 days ago
  • 6 min read


Eine laue Frühlingsnacht im Jahre 1924. Ein junger Mann sitzt mit melancholischem Blick an einem massiven Schreibtisch, um ihn herum türmen sich Papierberge. Rauchschwaden von Tabak und Parfum hängen in der Luft, ein überquellender Aschenbecher und ein halbleeres Tintenfass stehen rechts und links von ihm. Der junge Mann, erst 17 Jahre alt, hat gerötete Augen, von zu wenig Schlaf oder der schlechten Luft im Zimmer ist schwer zu sagen. Missmutig blättert er durch seine Korrespondenz, bleibt bei einer Postkarte hängen. In ihm reift ein Entschluss. Er holt einen tiefen Atemzug, nimmt einen neuen Bogen Papier aus der Schublade und fängt an zu schreiben. Er endet mit dem Satz: Ich fände es auch hübsch, wenn wir uns verlobten. Im Ernst. Was hältst du davon? Unterschreiben wird den Brief niemand geringerer als Klaus Mann, Sohn des berühmten Schriftstellers Thomas Mann. Und wen möchte er heiraten? Pamela Wedekind, Tochter des Dramatikers Frank Wedekind. Das Pikante an der Sache: Klaus' Schwester Erika ist in Pamela verliebt und Klaus eigentlich so gar nicht an Frauen interessiert...



Zwischen Luxus und Abgründen: Die Mann-Kinder


Erika und Klaus Mann kommen 1905 und 1906 zur Welt. Zusammen mit ihren vier jüngeren Geschwistern verleben sie ihre Kindheit in begüterten Verhältnissen. Der Vater ist als Autor sehr erfolgreich und die Mutter Katia stammt aus einer der wohlhabendsten Familien Münchens, was den Manns erlaubt, in einer Villa mit Bediensteten im vornehmen Stadtteil Bogenhausen zu leben. Dort freunden sich die beiden ältesten Mann-Kinder mit dem Künstlernachwuchs aus der Umgebung an. Zusammen ziehen sie durch das Viertel, spielen Streiche, veranstalten aber auch Theateraufführungen, zu denen sie ihre Eltern und die Nachbarn einladen. Während Erika am liebsten im Mittelpunkt steht, alle mit dramatischen oder komödiantischen Darbietungen unterhält und einmal Schauspielerin werden möchte, ist ihr Bruder Klaus eher verträumt und introvertiert. Er möchte Schriftsteller werden wie sein Vater, doch ist ihm schon früh bewusst, welch schweres Erbe er da antritt.



Erika und Klaus Mann
Erika und Klaus Mann

Von klein auf ist seine Beziehung zum Vater ambivalent. Der Patriarch bewundert das gute Aussehen seines heranwachsenden Sohnes und dessen offener Umgang mit seiner Homosexualität, denn Mann Senior fühlt sich ebenfalls zum eigenen Geschlecht hingezogen, kann diese Neigungen aber aufgrund gesellschaftlicher Zwänge nicht ausleben. Auch imponieren ihm Klaus' frühe literarische Ambitionen, doch macht er sich im selben Atemzug bei Freunden und Bekannten darüber lustig, ob aus ehrlich empfundener Kritik oder aus Neid, bleibt ungewiss.



Familie Mann (ohne Sohn Golo) 1924 auf Hiddensee
Familie Mann (ohne Sohn Golo) 1924 auf Hiddensee


Die Jugend der beiden ältesten Geschwister ist eine unstete Zeit. Die sehr guten finanziellen Verhältnisse erlauben Klaus und Erika eine hervorragende Schulbildung, doch die im Hause Mann herrschende Liberalität und den nach frühem Ruhm und Anerkennung strebenden Geschwistern fällt es schwer sich irgendwo unterzuordnen. Beide wechseln mehrfach die Schulen, entschwinden statt zu lernen immer wieder zusammen ins Nachtleben, experimentieren mit Drogen. Erika schafft 1924 mit Ach und Krach das Abitur zu bestehen, während Klaus seine akademische Laufbahn frühzeitig abbricht, um nach Berlin zu gehen. Zunächst als Theaterkritiker beim 12 Uhr Blatt angestellt, hat er in dem Jahr jedoch schon die Inszenierung eines eigenen Stückes im Kopf, das bald für große Furore sorgen wird.



Erika, Klaus und Pamela Wedekind
Erika, Klaus und Pamela Wedekind


Eine schicksalhafte Begegnung


Bei einer Tee-Gesellschaft ihrer Tante Mimi lernen die Mann-Geschwister Pamela Wedekind kennen, die Tochter des Dramatikers Frank Wedekind. Beide sind von der enigmatischen Ausstrahlung der jungen Frau gleichermaßen eingenommen, die laut Klaus das Haupt eines Renaissance-Jünglings besitzt. Wie Erika ist sie eine talentierte Schauspielerin, sie beeindruckt alle, indem sie die Bänkellieder ihres bereits verstorbenen Vaters auf der Laute nachspielt und seine charakteristische Stimme und Sprechweise gekonnt imitiert. Die drei schließen sofort Freundschaft und werden künftig zusammen durch das Berliner Nachtleben ziehen.


Für Erika wird es mehr als Freundschaft werden. Sie schreibt Pamela Briefe, in denen sie sie Geliebte Königin, Liebe Göttin oder Prinz Wunderhold nennt. Doch wird diese Verliebtheit einseitig bleiben, was Erika schon früh bemerkt. In einem Brief schreibt sie ihrer Herzensdame: Aber leider kann ich mir nicht denken, daß Du mich so gern magst, wie ich Dich – herrje. An Klaus, mit dem Erika bisher ein symbiotische Beziehung hatte, geht diese Schwärmerei nicht ohne Eifersuchtsgefühle vorbei. Er versucht nun seinerseits Pamela für sich zu gewinnen, ein Spiel, das er bis zu einem Heiratsantrag treibt – den Pamela akzeptiert.



Aufführung von Anja und Esther, v.l.n.r.: Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind, Klaus Mann
Aufführung von Anja und Esther, v.l.n.r.: Gustaf Gründgens, Erika Mann, Pamela Wedekind, Klaus Mann


Anja und Esther


Der Traum vom frühen Erfolg und vielleicht auch der Wunsch den Vater zu überflügeln, nagen an Klaus Mann. Ein skandalöses Theaterstück soll dem jungen Schriftsteller Ruhm und Anerkennung bringen. In einem fieberhaften Schaffenswahn schreibt Klaus 1925 das Drama Anja und Esther in kürzester Zeit, ein Stück über Jugendliche in einem Internat, das er selbst als Erholungsheim für gefallene Kinder beschreibt, eine Mischung aus Ballettschule und Sanatorium, mit einem Einschlag von Gefängnis, Bordell und Kloster. Auch wenn er mit der Beschreibung Bordell sicherlich übertreibt (das Vorbild für die Schule ist die Odenwaldschule, die Klaus selbst besucht hat), ist das Stück dennoch skandalträchtig, da homosexuelle Liebe zwischen den Protagonistinnen Anja und Esther thematisiert wird. Um noch mehr Aufsehen zu erregen, möchte Klaus sein Stück selbst inszenieren und zusammen mit seiner Schwester und Pamela die Hauptrollen spielen.



Dichterkinder spielen sich selbst


Als Klaus bei einer Premiere von Leonce und Lena in Hamburg den 25-jährigen Gustaf Gründgens zum ersten Mal auf der Bühne sieht, ist er begeistert und will ihn unbedingt für die vierte Hauptrolle in seinem Theaterstück gewinnen. Der selbstbewusste und überaus talentierte Gründgens, der ebenfalls für das eigene Geschlecht schwärmt, gefällt sich privat in der Rolle des exzentrischen Künstlers, häufig trägt er einen langen Ledermantel, dazu Sandalen und ein Monokel. Klaus findet ihn schön, nennt ihn Hermes (nach dem Götterboten). Mit Gründgens Hilfe können sie an den Kammerspielen in Hamburg erwirken, das Stück von ihnen selbst gespielt zu inszenieren. Für die Gestaltung von Kostümen und Bühnenbild wird eine weitere Freundin der Mann-Geschwister ins Boot geholt, Mopsa Sternheim, Tochter des Dramatikers Carl Sternheim, ebenfalls ein Dichterkind.



Gustaf Gründgens in Der Snob von Carl Sternheim
Gustaf Gründgens in Der Snob von Carl Sternheim

Mopsa Sternheim
Mopsa Sternheim


Als Anja und Esther schließlich prämiert, sind die Meinungen gespalten. Viele Kritiker sind hämisch, trauen den Dichterkindern kein echtes Talent zu und werfen ihnen vor, nur sich selbst zu spielen auf möglichst aufmerksamkeitsheischende Weise. Das Stück wird als wirr und langatmig beschrieben, die Figuren unklar gezeichnet. Doch gibt es auch positive Stimmen, die den jungen Menschen Begabung und Frühreife attestieren. In jedem Fall ist der Erfolg aufgrund des Skandals auf ihrer Seite, die Zeitungen hören nicht auf darüber zu berichten und eine Weile touren die vier durch etliche Städte, mit mal mehr mal weniger wohlwollendem Publikum. Gründgens steigt allerdings bald aus, da er um sein bereits bestehendes Renommee fürchtet. Doch wird dieser Ausstieg keine lange Trennung der Gruppe um die Dichterkinder werden, denn der nächste Skandal wartet bereits.




Eine Hochzeit und eine unliebsame Verlobung


Nach der letzten Aufführung unternimmt Klaus im Frühjahr 1926 eine Reise nach Nizza, um sich vom Trubel zu erholen, aber auch um weitere literarische Werke zu produzieren. In der südfranzösischen Stadt fühlt er sich sehr wohl, immer wieder beschreibt er seine diversen erotischen Abenteuer mit Matrosen und anderen jungen Männern, denen er begegnet. Da erreicht ihn die Schreckensnachricht, dass sich Erika mit Gustaf Gründgens verlobt hat, die Lieblingsschwester mit dem bewunderten Hermes! Gleich darauf drängt er Pamela in einem Brief, nun endlich ihrerseits zu heiraten. Das Spiel der Eifersüchte geht also in die nächste Runde. Doch Erika meint es ernst mit der Hochzeit. Bereits im Juli desselben Jahres geben sie und Gustaf sich das Ja-Wort. Pamela bleibt der Feier fern, ob ebenfalls aus Eifersucht oder aus einem anderen Grund, erfahren wir nicht.



Eine Freundschaft auf wackligen Beinen: Erika und Pamela
Eine Freundschaft auf wackligen Beinen: Erika und Pamela


Während Gründgens im Herbst eine gemeinsame Wohnung in Hamburg für sich und Erika einrichtet, verbringt diese lieber Zeit mit Klaus, Pamela und der gemeinsamen Freundin Mopsa Sternheim. Letztere leidet an ihrer unerfüllten Liebe zu dem fast 20 Jahre älteren Dichter Gottfried Benn, mit dem sie eine kurze Affäre hatte. Um die Dinge noch weiter zu verkomplizieren, fängt Carl Sternheim an, sich für Pamela zu interessieren, obwohl er immer noch mit Mopsas Mutter verheiratet ist.


Klaus versucht im darauffolgenden Jahr die Freundschaft der Dichterkinder, die durch die Ehe von Erika und Gustaf einen Knacks erlitten hat, mit einem weiteren Theaterstück zu retten. In Revue zu Vieren soll wieder in derselben Konstellation gespielt werden wie bei Anja und Esther, auch Mopsa wird wieder für Kostüme und Bühnenbild engagiert. Doch dies Mal wird das Vorhaben zum Fiasko. Bei Publikum und Kritikern fällt das Stück gleichermaßen durch. Das Echo ist derart vernichtend, dass Klaus und Erika im selben Jahr das Weite suchen und gemeinsam eine ausgedehnte Weltreise unternehmen. Die Ehe mit Gustaf ist zu dem Zeitpunkt bereits am Ende. Doch eine weitere Skandalmeldung wartet noch auf die Geschwister. Im Dezember 1927 erreicht sie in Hollywood die Nachricht, dass Pamela sich mit Carl Sternheim verlobt hat, was der Freundschaft der Dichterkinder den endgültigen Todesstoß versetzt.



oben: Gustaf Gründgens und Erika Mann bei ihrer Hochzeit 1926, unten: Pamela und Carl Sternheim 1930
oben: Gustaf Gründgens und Erika Mann bei ihrer Hochzeit 1926, unten: Pamela und Carl Sternheim 1930




Meine sehr verehrten Damen und Herren,


ich hoffe, der Ausflug in die exzentrische und skandalöse Welt der Dichterkinder hat Ihnen gefallen! Wenn Sie an noch mehr Skandalen interessiert sind, empfehle ich Ihnen wärmstens das Buch Dichterkinder, Liebe, Verrat und Drama – der Kreis um Klaus und Erika Mann von Armin Strohmeyr, das ich für diesen Artikel verwendet habe, es ist äußerst unterhaltsam und an der ein oder anderen Stelle wird Ihnen sicher die Kinnlade runterfallen!


Herzlichst Ihre



Marleen Tigersee




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