Halloween in den 20er Jahren

Meine Damen und Herren,
die Blätter der Bäume färben sich langsam gelb, orange und rot, es wird kühler und früher dunkel, Regenschauer und Nebelschwaden begleiten uns jetzt immer öfter – es wird Herbst. Wie einige von Ihnen vielleicht wissen, ist dies meine Lieblingsjahreszeit und ich freue mich jedes Jahr von Neuem darauf. Vor allem der letzte Tag des Monats Oktober, Halloween, hat mich schon von klein auf fasziniert. Kürbisse, Geister, flackerndes Kerzenlicht und diese besondere unheimliche Stimmung, die in dieser Nacht in der Luft liegt. Aber auch ohne Glaube an Geister und co. kann man Halloween feierlich begehen, ob gruselig, spaßig, in größerer oder kleinerer Gesellschaft. Das wussten auch schon die Menschen in den 20er Jahren zu schätzen, vor allem natürlich in Übersee. Wenn Sie Halloween auch so spannend finden wie ich, oder nur gerne über historische Kuriositäten staunen möchten, dann kommen Sie mit mir, wenn Sie sich trauen...
Vom keltischen Erntefest zur populären Gruselparty
Die exakten Ursprünge von Halloween sind gar nicht so leicht zu bestimmen. Wahrscheinlich ist, dass sich das Fest aus einem Zusammenspiel keltischer und christlicher Traditionen heraus entwickelt hat. Das Wort Halloween leitet sich von dem mittelenglischen All Hallows even ab, was the evening before All-Hallows (der Abend vor Allerheiligen) bedeutet. Aber bereits lange bevor man diesen Tag so benannte, begingen die Kelten im heutigen Irland und Schottland in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November das Samhain, ein Fest, welches das Ende der Erntezeit und den Übergang von der hellen in die dunkle Jahreszeit feierte. Diese Übergangszeit war mit dem Übernatürlichen verbunden, denn man glaubte, dass gerade dann die Grenze zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt besonders durchlässig war. Als sich das Christentum in Irland und Schottland ausbreitete und der Versuch scheiterte, sogenannte heidnische Feste abzuschaffen, wurden die Tage vom 31. Oktober bis zum 2. November in die christliche Liturgie mit aufgenommen und fortan den Verstorbenen und Märtyrern gewidmet. Im Laufe der Zeit vermischten sich keltische und christliche Bräuche miteinander und bildeten ein gemeinsames Ganzes: Halloween. Mit den großen Auswanderungswellen im 19. Jahrhundert wurden diese Traditionen dann nach Amerika gebracht, wo sie sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen.

Halloween in den 20ern : Trick-or-Treating
Während Halloween Anfang des 20. Jahrhunderts noch vermehrt von Erwachsenen im privaten Rahmen gefeiert wurde, änderte sich dies zunehmend in den 20er Jahren. Obwohl sich die Tradition kostümiert von Haus zu Haus gehen, um Süßigkeiten zu erbitten und Streiche zu spielen, falls man keine bekommt (im Englischen Trick-or-Treating genannt), erst in den 1930er Jahren richtig etablierte, waren Kostüme tragen und Streiche spielen schon ein Jahrzehnt vorher populär. An manchen Orten in den USA wurde dies allerdings von einigen so weit getrieben, dass man nicht mehr von Streichen, sondern schon von Vandalismus sprechen musste. Fenster wurden eingeschlagen, arglose Passanten angegriffen, Gegenstände, die man draußen gelassen hatte, wurden entwendet oder fanden sich auf dem Hausdach wieder. Mancherorts war man nach solchen Vorkommnissen gezwungen eine Ausgangssperre zu verhängen, andere Gemeinden reagierten mit mehr öffentlich zugänglichen Festen und Kostümparaden, die das Aggressionspotential verringern sollten.
Die Halloween-Party wird zum Trend
In den 20er Jahren wurde Halloween als gesellschaftliches Ereignis immer beliebter. Man konnte nun günstige, industriell hergestellte Papier-Dekorationen kaufen, zum Beispiel von der Firma The Beistle Company, oder sich gleich das Bogie Book der Firma Dennison Manufacturing Company kaufen, das allerhand Tipps für die perfekte Halloween-Party bereit hielt.


Wer das eigene Heim für seine Gäste eindrucksvoll dekorieren wollte, konnte sich von den farbigen Illustrationen im Bogie Book Inspirationen holen. Girlanden und Aufsteller in orange und schwarz mit Kürbis-, Katzen, Hexen- oder Fledermaus-Motiven, inklusive Anleitungen zum Nachbasteln, waren hier zu finden. Meist wurde hierfür einfaches Krepp-Papier oder Pappmaschee verwendet.

Der Ratgeber von Dennison konnte ebenfalls helfen, wenn man sich auf der Suche nach einem passenden Kostüm befand. Griff man Anfang des 20. Jahrhunderts noch eher zu schlichten Umhängen, umgestalteter Alltagskleidung und selbstgebastelten Masken, so erlebten nun Verkleidungen wie Hexe, Fledermaus, Schmetterling, Pirat, Clown und Cowboy einen Aufschwung. Gerne kleidete man sich auch wie Menschen aus anderen Ländern und Kulturen, beliebt war Indien, Spanien oder der arabische Raum. Manch einer wählte auch ein Gewand aus einer früheren Epoche oder ging als Amor oder als Nacht. Natürlich gab es wie heute auch Verkleidungen, die besonders den Zeitgeist widerspiegelten, wie das Kostüm Spirit of St. Louis, das auf das Flugzeug von Charles Lindbergh anspielte, mit dem ihm 1927 der erste Non-Stop Flug von New York nach Paris gelang.



Was neben der passenden Dekoration und einem kreativen Kostüm ebenfalls nicht fehlen durfte, war das Essen. Auf den Tisch kamen herbstliche Salate mit Äpfeln und Nüssen, Chicken Pie, Sandwiches, Käseplatten, selbst gemachte Kartoffelchips und Popcorn. Für den süßen Abschluss reichte man Lebkuchen, Toffee, Pumpkin Pie, Kekse, Doughnuts und Obst. Was es in Zeiten der Prohibition auf Halloween-Parties zu trinken gab, kam sicherlich auf den Gastgeber an, in Dennison's Bogie Book werden als Getränke Kaffee und Cider vorgeschlagen, ob es sich beim letzteren um eine alkoholfreie Variante handelt, ist nicht vermerkt.
Spiele und Musik
Damit den Gästen auch nicht langweilig wurde, vertrieb man sich gerne die Zeit mit Spielen. Beliebt war es sich gegenseitig die Zukunft vorauszusagen. Dafür wurden Blei oder Eiweiß in Wasser gegossen und durch die so entstandene Form ein Orakel erstellt. Für wen es noch etwas unheimlicher sein durfte, der erzählte seinen Gästen Gruselgeschichten oder hielt gleich eine Séance ab (mehr dazu finden Sie hier). Doch konnte so eine Halloween-Feier auch lustiger vonstatten gehen. Ein Klassiker war das Apfel-Tauchen (Englisch: Apple Bobbing), bei dem jeder aus einem Bottich einen Apfel ohne Zuhilfenahme seiner Hände herausfischen musste. Man konnte auch Ghostly Silence spielen, hier mussten die Gäste verschiedenen Tätigkeiten in kompletter Stille nachgehen, oder Funny Horoscopes, wo die Namen aller Eingeladenen zusammen mit Verben, Adjektiven, Berufen, Orten etc. aufgeschrieben und nach Zufall und zu einem Horoskop zusammengesetzt wurden.

Besonders im Trend waren außerdem Verkupplungs-Spiele. Zum Beispiel konnte der Gastgeber an alle Damen Haarbänder und an alle Herren Schärpen mit verschiedenen Symbolen darauf verteilen (diese wurden wieder aus Krepp-Papier gebastelt). Jeder musste nun schnellstmöglich die Person finden, die dasselbe Symbol trug wie man selbst. Eine andere Variante war, die Damen in einer Reihe aufzustellen und die Herren in einer gegenüberliegenden. Dann verband man sich die Augen, es wurde etwas durchgeschmischt und nun musste jeder auf diese Weise blind einen Partner finden.

So, und was fehlt nun noch, um die Halloween-Party perfekt abzurunden? Richtig, die Musik. Wie Sie sich vorstellen können, gab es damals schon die passende Begleitung für schaurige Stunden. Hier habe ich eine kleine Auswahl für Sie vorbereitet:
Jack Hylton's – Bogey Wail (1929)
Bessie Smith – Haunted House Blues (1924)
Bessie Smith – Them's Graveyard Words (1927)
Frederick Vettel – Spell of the Blues (1929)
Helen Gross & The Kansas City Five – Undertaker's Blues (1924)
Louis Armstrong – Heebie Jeebies (1926)
Verehrte Leserschaft, ich hoffe wie immer, ich konnte Sie gut unterhalten! Vielleicht waren ja für den einen oder anderen von Ihnen auch Inspirationen und Tipps dabei, die Sie für Ihre nächste Party verwenden können. Ich wünsche Ihnen in jedem Fall einen wunderschönen Herbst und natürlich: Happy Halloween!
Ihre Marleen Tigersee



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